Samuil Feinberg
(eine Biographie von Christophe Sirodeau - Deutsch Text)

Samuel Feinberg, geboren am 26. Mai 1890 in Odessa und legendärer russischer Pianist und
Pädagoge, ist als Komponist zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Er schrieb eine Reihe wichtiger
Werke, vor allem für Klavier und für Gesang. In Anlehnung an die stilistische Entwicklung
des Komponisten läßt sich sein Schaffen in zwei Perioden einteilen. In den Jahren 1910
bis 1933 zeigt sich eine Schreibweise, die zusehends vielfältiger und virtuoser wird, hochchromatisch
oft und reich an Kontrasten, aber stets geprägt von einer „symbolistischen" Zerbrechlichkeit,
die zum Teil auf den Ein.uß Skrjabins zurückzuführen ist. Von 1934 bis zu seinem Tod
1962 bewegte sich Feinberg mehr und mehr hin zu größerer Einhachheit, zu einer diatonischen
Tonsprache und zur Vorherrschaft der Melodie, vergleichbar in etwa der Entwicklung von Prokofjew
und Mjaskowskij. Neben diesen Werken .nden sich auch Bearbeitungen, darunter beispielsweise
fünfzehn Kompositionen von Bach, aber auch Werke zahlreicher anderer Komponisten.
Bald schon erlangte Feinberg als genialer Interpret Berühmtheit. 1914 war er der erste,
der auf russischen Konzertbühnen eine Gesamtaufführung von Bachs Wohltemperiertem Klavier
unternahm (1958/59 legte er die - nach Edwin Fischer - zweite Gesamteinspielung vor),
später spielte er mehrere Zyklen mit Werken Ludwig van Beethovens und setzte sich für die
Werke Skrjabins, Prokofjews und Debussys ein (seine Interpretation von Skrjabins Vierter
Sonate brachte ihm übrigens die Bewunderung des Komponisten sein).
Ab 1924 wurden einige Werke bei der Universal Edition in Wien veröffentlicht. Die Sechste
Sonate op. 13, gespielt vom Komponisten selbst, war beim Festival der Internationalen Gesellschaft
für Neue Musik in Venedig am 4. September 1925 ein großer Erfolg, ebenso sein Erstes
Klavierkonzert op. 20, das 1932 unter der Leitung von Albert Coates in Moskau uraufgeführt
wurde. Der amerikanische Musikkritiker Carl Engel (später ein Freund Schönbergs) schrieb
1924 in The Musical Quarterly, Feinberg sei „vielleicht ein Genie". Im November 1925 reist
Feinberg nach Paris; regelmäßig wird er nach Österreich und Deutschland eingeladen (1925,
1927 und 1929). Er macht Aufnahmen für die Deutsche Grammophon in Berlin und für mehrere
deutsche Rundfunkanstalten (Er war einer der ersten Musiker, dessen Konzerte live im Radio
übertragen wurde [Berlin, 1927]).
Einige Jahre später wurde diese westeuropäische Karriere durch die stalinistische Politik in
der UdSSR mit einem Mal beendet. Zu jener Zeit wurde sein Freund und Verleger Nikolai
Zhiliajew, der vor 1914 sein Kompositionslehrer gewesen war, im Zusammenhang mit der
Affäre Toukhatschewsky inhaftiert. In den folgenden 30 Jahren war es Feinberg untersagt, die
UdSSR zu verlassen - mit Ausnahme zweier Jury-Teilnahmen bei Wettbewerben in Wien
1936 und Brüssel 1938. Da seine Musik nicht den Kritierien des „Sozialistischen Realismus"
entsprach, führte er seine früheren Werke nicht mehr auf und zog es vor, zu schweigen oder
aber Kompositionen vorzulegen, die es dem Hörer einfacher machten. Die Klavierkonzerte Nr. 2
(1944) und Nr. 3 (1947) stammen aus jener Zeit. Doch auch nach dem Krieg blieb Feinberg
einer der bedeutendsten russischen Komponisten; als Interpret konnte er gegen Ende seines
Lebens (insbesondere nach dem krankheitsbedingten Abschied von der Bühne im Jahr 1956)
eine Reihe von Werken einspielen. Außerdem war Feinberg einer der bemerkenswertesten
Professoren des Moskauer Konservatoriums (von 1922 bis zu seinem Tod am 22. Oktober
1962), hochverehrt von seinen Schülern, die auch sein Buch Das Klavierspiel als Kunst herausgaben
- postum, wie es sein Wunsch gewesen war.
Zeit seines Lebens unverheiratet, lebte Samuel Feinberg bei seinem Bruder, einem Maler,
und dessen Familie. Vermutlich hat eine unglückliche Liebesaffäre mit Vera Efron (einer
Schwägerin von Marina Tswetajewa) vor 1914 Anteil an der Entstehung dieser Situation. Feinberg
war ein hochkultivierter Mann, vergeistigt, bescheiden, der Selbstdarstellung in geradezu
krankhafter Weise verabscheute. Feinberg, von dessen Sonaten jede einzelne ein „Poem des
Lebens" (Tatjana Nikolajewa) ist, war ein überaus visionärer Künstler, der sich den Abgründen
und Zwiespältigkeiten unserer Zeit bewußt war.
Die stilistische Entwicklung Feinbergs erklärt, warum er als Komponist kein einheitliches
Pro.l hinterließ; seine bedeutendsten Werke hat er vor dem Zweiten Weltkrieg komponiert.
Die historischen Umstände in Rußland aber entzogen einem solchen „Modernismus" jeden
Boden. Es ist seltsam genug, daß man in der westlichen Presse lesen konnte, Feinberg sei eine
„of.zielle Persönlichkeit" der Sowjetunion gewesen - Hohn für einen jüdischen Musiker, der nie
der Partei angehörte und sich ins Schweigen .üchten mußte. Nichtsdestotrotz genoß Feinberg,
selbst wenn er in Moskau zur Klasse der „Kosmopoliten" gezählt wurde, einen gewissen Schutz
durch seine immense pianistische und pädagogische Ausstrahlung. Öffentliche Erfolge und
Elogen von Musikern, die ihn bewunderten, wurden ihm schon zu Lebzeiten zuteil. Aber für
seine Schüler und Freunde war es selbst nach seinem Tod nicht ratsam, den Akzent auf seine
„nonkonformistischen" Seiten zu legen; dies ist das Problem mit allen Dokumenten aus jener
Zeit, die man nur mit Vorsicht verwenden kann. Heute aber gilt es, Werke zu rehabilitieren, die
sich auszeichnen durch Expressivität, stilistische Strenge und große Phantasie, und gewiß dabei
zugleich das von Angst gequälte Seelenleben ihres Komponisten widerspiegeln.
Die große, oftmals mit dem emotionalen Inhalt korrespondierende formale Originalität in
Werken wie den Sonaten Nr. 3, 5, 6, 7, 8 oder dem Klavierkonzert Nr. 1, sein charakteristischer
Klavierstil oder auch der symbolistische und nostalgische Charme seiner Melodien (wie in
seinem Opus 7 auf Gedichte von Alexander Blok, 1914) weisen Feinbergs Œuvre als unverzichtbaren
Bestandteil der musikalischen Überlieferung des 20. Jahrhunderts aus; hinzu kommt
sein unschätzbares, auf Schallplatte festgehaltenes Vermächtnis als Pianist.
©2003 Christophe Sirodeau
Übersetzung auf Deutsch: Horst A.. Scholz für BIS Records AB 2003 (Bis no 1413)
Wir danken Robert von Bahr für sein freundliches Bevollmächtigung für dieses Neudruck.
(Eine umständliche Analyse von die 12 Sonaten für Piano begleitet diese und die nächste CD Schallplatte nr.1414)

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